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Mag.
Gerlinde Szaal
Arbeiten auf Papier im Schaffen
von Claus Pack
Einflüsse und künstlerische Umsetzung
Vorbedingungen
Spricht man von der Malerei in Österreich
zwischen den Kriegen, so denkt man in erster Linie weder an die
Vertreter der Neuen Sachlichkeit noch an die Bewegung des Wiener
Kinetismus. Vielmehr dominieren die Künstler des Expressionismus.
Oskar Kokoschka, Anton Faistauer, Herbert Boeckl sowie der Nötscher-Kreis
waren die Leitsterne dieser Zeit.
Die Aquarellkunst, für die das Jahrhundert zwischen
1780 und 1880 von entscheidender Bedeutung gewesen war, erreichte
nun, in den Jahren der Zwischenkriegszeit, einen gänzlich neuen
Höhepunkt mit zwei Aquarellisten: Wilhelm Thöny (1888-1949)
und Herbert Boeckl (1894-1966). Thöny, Mitbegründer der
Grazer "Secession", entwickelte sich künstlerisch
zunächst in München, ehe ihn Paris und New York - die
zu den Themen seines Lebens wurden - faszinierten. Boeckl, eine
mächtige Persönlichkeit voller Kraft und Tiefe, ein souveräner
Beherrscher aller technischen Mittel, wechselte mit seinen Lebensperioden
auch die technischen Schwerpunkte, wobei er meisterhafte Leistungen
im Aquarell, besonders in den zwanziger Jahren und dann wieder mit
den "Metamorphosen" nach 1949, jenen immer freier werdenden
Verwandlungen von Gebirgslandschaften, erreichte.
Claus Pack lernte Boeckl im Winter 1940/41 und bei
darauffolgenden Studienurlauben näher kennen und teilte schon
bald die Begeisterung des Lehrers für das Aquarell. Boeckl
hatte bereits 1935 eine Professur an der Wiener Akademie erhalten,
wurde aber während des Nationalsozialismus zurückgestuft
und statt mit der Meisterklasse für Malerei nur mehr mit dem
"Hilfsfach" des Aktzeichnens betraut. Als der Krieg 1945
zu Ende war, lag das österreichische Kunstleben buchstäblich
in Schutt und Asche. Trotzdem bemühte man sich bald, für
den künstlerischen Wiederbeginn neue Strukturen zu schaffen.
Die Wiener Akademie der bildenden Künste war von der Zerstörung
verschont geblieben und wurde trotz zentraler Lage nicht für
die Einquartierung der Besatzungsmächte beansprucht. Herbert
Boeckl ergriff die Initiative, und bildete ein zunächst einmal
frisches, von der politischen Vergangenheit unbelastetes Professorenkollegium.
Es gelang ihm, dafür den in die Schweiz emigrierten Bildhauer
Fritz Wotruba nach Wien zurückzuholen, auch konnte der Maler
und Dichter Albert Paris Gütersloh für ein Lehramt an
der Akademie gewonnen werden.
Auf eine Weise, wie es im Nachhinein kaum ermessen
werden kann, war Herbert Boeckl für die jungen Künstler,
welche die Akademie am Schillerplatz bald bevölkerten, eine
bestimmende Persönlichkeit. Von diesem Klima wurde auch Claus
Pack geprägt bis er 1946 aufgrund der schwierigen ökonomischen
Verhältnisse in Wien nach Vorarlberg übersiedelte, wo
die Eltern seiner zukünftigen Frau ihm das Leben als freischaffenden
Künstler ermöglichten. Hier begann er, gleich nach Kriegsende,
sich intensiv mit der modernen Malerei, mit Klee, Kandinsky, Braque
und Picasso und deren Theorien auseinanderzusetzen.
Ausgangspunkt Paris
Der Westen Österreichs gehörte damals zur
französischen Zone, und in Innsbruck war ein sehr aktives französisches
Kulturinstitut eingerichtet. So kam es, dass Maurice Besset, der
Leiter des Instituts und Initiator der Hochschulwochen, bei denen
Pack Vorträge hielt, dem jungen Künstler 1950 zu einem
sechsmonatigen Stipendium für Malerei in Paris verhalf.
Claus Pack war in jenen Jahren jedoch nicht der einzige
Künstler, für den Paris zu einem Meilenstein wurde. 1951
reisten Maria Lassnig und Arnulf Rainer in die französische
Metropole, um ihre noch durchaus "phantastisch" konzipierten
Arbeiten Breton und jenen, die von der surrealistischen Bewegung
noch übrig geblieben waren, vorzuführen. Als "Möchtegernsurrealisten"
(so bezeichnet von Otto Breicha) fuhren sie nach Paris, um dort
von Nina Daussets Ausstellung "Véhémence Confrontées"
bekehrt, als Frühinformelle nach Österreich zurückzukehren.
Auch Kurt Moldovan hatte in den frühen fünfziger Jahren
ein Paris-Stipendium erhalten. Er nutzte dieses in erster Linie
dazu, um sich gründlich mit der Steinlithographie auseinander
zu setzen.
Für Claus Pack hingegen war es bei der Vertiefung
seiner Studien die direkte Begegnung mit den Werken Paul Cézannes
und Pablo Picassos, die für ihn zum wegweisenden Erlebnis werden
sollte.
Cézanne hatte die vorkubistische Phase eingeleitet
und eine Vorahnung von der sich anbahnenden Revolution gegeben,
in der die gesamte Auffassung von Malerei seit der Renaissance einem
Umsturz preisgegeben werden sollte. Auch in den Zeichnungen und
Aquarellen, die Pack 1950 in Paris schuf, wurde die plastische Form,
unabhängig vom Stofflichen, ob es sich nun um ein Ding oder
einen Menschen handelte, vom Künstler als Eigenwert entdeckt
und in stilisierter Unbeweglichkeit als Volumen herausgehoben. Das
Plastische der Körper übersetzte Pack von diesem Zeitpunkt
an - und hier ist der Einfluss Cézannes entscheidend - in
die Zweidimensionalität der Fläche.
Hinzu kamen die Erkenntnisse aus der intensiven Beschäftigung
mit den Gemälden Picassos, die Eingang in Packs Malerei fanden.
Er schrieb dazu: "Picasso ist derjenige Maler des 20. Jahrhunderts,
der eine neue plastische Darstellungsform für die Wirklichkeit
im Bild, eben den "Kubismus", gefunden hat. Er ist der
Pionier einer neuen "Perspektive", die mindestens dieselbe
Bedeutung hat wie die Linearperspektive."
Der Kubismus war bis zu diesem Zeitpunkt von österreichischen
Künstlern nur am Rande aufgegriffen worden. Für die Rezeption
des Kubismus in der Zwischenkriegszeit war charakteristisch, dass
die kubistische Formensprache nicht unmittelbar an ihrem Ursprung
in Frankreich studiert worden war, sondern verzögert und mittelbar
über die Tschechoslowakei nach Österreich eindrang. Neben
der geographischen Nähe war dafür zweifelsfrei die geistige
Verwandtschaft der beiden altösterreichischen Städte Wien
und Prag sowie die Neigung des tschechischen Kubismus zur Betonung
des Bildinhalts, seine Zurückhaltung bei der Zertrümmerung
und Zersplitterung der Formen und Gegenstände maßgeblich.
Für die drei Hauptvertreter des österreichischen Kubismus
- wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann - Maximilian
Reinitz, Carry Hauser und Alfred Wickenburg, waren die ursprünglichen
Kubisten Picasso und Braque ohne Belang geblieben. Kubistische Stilmittel
wurden von ihnen vor allem zum Ausdruck kristalliner Abstraktionen
genutzt. So war für Reinitz etwa die Prismatisierung der Formen
Ausdruck deren transzendenten Charakters. Carry Hauser eignete sich
die kubistische Formzersplitterung und dynamische Strukturierung
als Ausdrucksmittel psychischer Befindlichkeit für die expressive
Gestaltung seiner Selbstporträts an. Wickenburg wiederum nahm
den Kubismus als Grundlage für eine forcierte plastische, kubische
Gestaltung der Bildgegenstände und verwendete den Kubismus
als Transportmittel für bildimmanente Monumentalität.
Ihnen allen diente die kubistische Formanalyse jedoch nicht zur
gleichzeitigen Darstellung verschiedener Ansichten eines Gegenstandes,
wie es das ursprüngliche kubistische Prinzip der Simultanität
wollte.
Pack dagegen erkannte die bahnbrechende Neuerung,
die Picasso für die Kunst des 20. Jahrhunderts darstellte,
im vollen Umfang. Wie der Spanier rang auch er um das neue Menschenbild
und entschied sich damals bereits für die gegenständliche
Malerei und damit gegen die Abstraktion. Er formulierte dies folgender
Maßen: "Damit der Mensch in der neuen Kunst wieder in
Erscheinung träte, wäre ein grundlegender Wandel notwendig.
Und hier zeigt sich die größte und entscheidendste Ironie
unserer Epoche. Pablo Picassos Werk, verlästert, verschrien
als die Deformation und Schändung des Menschenbildes, steht
... als die bei aller manchmal auftretenden Unvollkommenheit stärkste
Verteidigung ewig humanistischen Geistes da. Historisch gesehen,
sind die Bestrebungen der ungegenständlichen Kunst trotz all
ihrer Ausläufer in die Jahre zwischen 1910 und 1925 zurückzudatieren.
Ihre wesentlichen Leistungen wurden damals sowohl ideologisch wie
programmatisch tatsächlich gesetzt. Und gerade 1925 gelang
Picasso der Durchbruch zu einem Menschenbild, das künstlerisch-plastisch
für unser Jahrhundert etwas Neues darstellte. ... Die Gestalt
des Menschen ist von der Verheißung her mit ihrem geschaffenen
Prädikat sive deus mit so viel Versprechen und Verpflichtung
beladen, dass sie immer wieder als Vorbild im Kunstwerk integral
in Erscheinung treten muss."
Die Faszination, die für Pack von diesem neuen
Menschbild ausging, wird in seinen frühen Zeichnungen und Aquarellen
sichtbar, in denen er schon bald einen ersten künstlerischen
Höhepunkt erreichte. Bis zur Mitte der 50er Jahre entstand
- vor allem durch die ausgiebige Erforschung der künstlerischen
Ausdruckskraft des Aquarells - sein kraftvolles Frühwerk.
Claus Pack arbeitete im Bildaufbau mit starken linearen
Begrenzungen und farblichen Gegensätzen, und die Blätter
dieser Zeit sind zudem durch eine stürmische, fast gewalttätige
Pinselführung - das Erbe Kokoschkas, das Expressive als eine
Grundkonstante österreichischen Kunstwollens - gekennzeichnet,
die sich erst gegen Ende der fünfziger Jahre allmählich
beruhigte, als die Behandlung der Farbe und damit die Farbflächen
und deren sinnliche Dimension im Bild für Claus Pack immer
wichtiger wurden.
Schon in diesen frühen Arbeiten bestand Pack
auf einer strikten Trennung von Zeichnung und Malerei und lehnte
deshalb auch die Verwendung von Bleistift als Vorzeichnung in einem
Aquarell ab. Der traditionelle Auffassungsunterschied zwischen der
englischen Water Coulor Society und den Vertretern der europäischen
Schulen, dem Wiener Aquarellistenklub etwa, war ihm natürlich
bekannt. Er folgte der Auffassung der Engländer, die eine striktere,
gleichzeitig aber offenere Behandlung der Motive anstrebten. Die
Verbannung von Deckweiß, seit Turner eine Grundregel der englischen
Aquarellmalerei, stand für ihn außer Frage, wie das Aussparen
weißer, unbemalter Flächen, die so zu Teilen der Bildkomposition
werden.
Einige dieser Werke wurden in einer Ausstellung Packs
im Wiener Konzerthaus 1953 gezeigt. Jorg Lampe schrieb darüber
in der "Presse": "Pack, früher Schüler
Boeckls, aber dann insbesondere von Picasso beeindruckt, bemüht
sich vor allem um das Raumproblem, und dies teils wörtlich,
teils im übertragenen Sinn des Wortes. Den örtlichen wie
den geistigen Raum will er durch Farbe und Linien vermitteln. ...
Im Aquarell wird er gelegentlich freier als im Öl, aber stets
überzeugt der saubere geistige Ernst."
Zurück in Wien
Im ersten Jahrzehnt nach dem Kriegsende, also in den
Jahren zwischen 1945 und 1955, in einer schwierigen und drangvollen
Zeit, gab es in der Wiener Kunst Vieles und Verschiedenes neben-
und miteinander: Stark vom Expressionismus Ausgehendes, Phantasiekünstlerisches
ebenso wie Abstraktes und Realistisches. Zunächst einmal galt
es, erneut "Tritt zu fassen", maßgebliche internationale
Vorgaben aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Nach Jahren, in denen
so gut wie alles Fortschrittliche abgetan und verfolgt wurde, wollte
man modern im Sinne jener modernen Malerei handeln, die man eben
erst kennen lernte. Man lebte und erlebte ungeduldig. Vergleichsweise
sehr wenig Zeit musste genügen, den eigenen Weg herauszufinden.
Vom Optimismus begleitet und auf der Grundlage veränderter,
freier künstlerischer Bedingungen, tendierte die Entwicklung
der bildenden Kunst in Österreich von der zweiten Hälfte
der fünfziger Jahre zu einem Pluralismus, der ebenso lokale
Eigenheiten wie logische Anbindungen an die primär durch Paris
und New York geprägte internationale Entwicklung aufweist.
In Wien sind diese Jahre vor allem durch das Spannungsfeld zwischen
der Wiener Schule des Phantastischen Realismus und dem avantgardistischen
Kreis der zur Galerie nächst St. Stephan zählenden Maler
geprägt.
Von dieser Entwicklung war Claus Pack jedoch zuerst
weitestgehend abgeschnitten, lebte und schuf er doch während
des ersten Nachkriegsjahrzehnts in Vorarlberg. Auch die Jahre nach
der Übersiedlung nach Wien standen noch unter dem Eindruck
seiner in Frankreich gemachten Erfahrungen.
Bedingt durch seine Assistentenstelle bei Herbert
Boeckl an der Akademie fanden jedoch zunehmend "österreichische"
Elemente Eingang in sein Schaffen. Wie Picasso rang auch Boeckl
um eine neue Menschwerdung, die aber nicht aus dem Trieb, dem Instinkt
und dem Zufall zu finden war. Darüber hinaus zeigten Boeckls
Zeichnungen und Aquarelle eine kraftvolle und kompromisslose Suche
nach neuen Wegen im Sinne einer Abgrenzung von der Kunst Klimts,
Schieles und Kokoschkas und lagen an der Schnittstelle zwischen
Abstraktion und neuen Realismen, jenem Gegensatz, der in Österreich
ganz wesentlich das Schaffen der Künstler einer ganzen Generation
bestimmen sollte. "Zeichnet´s Form!" - Diese Ermahnung
wurde von Boeckl drohend, beschwörend oder fordernd an die
Studenten gerichtet. Es ging ihm hier um die plastische dreidimensionale
Form, aber um eine Form fern von allen Illusionen, fern vom Naturalismus.
Eine Form, die nicht abgezeichnet war, sondern "übersetzt",
komprimiert und konzentriert - so schwebte sie Boeckl vor, ihm,
der selbst in seinen Arbeiten auf dem Weg vom Expressionismus zum
Abstrakten, zur gleichnishaften Form war.
Claus Pack bezog nun in den 60er Jahren - sowohl in
seinen Werken als auch in seinen kunstphilosophischen Beiträgen
- definitiv Position für die Gegenständlichkeit und damit
gegen die Abstraktion. Dies zeigt sich deutlich in einem Artikel
(1962), in dem er eine Stelle aus Kandinskys Buch "Das Geistige
in der Kunst" zitierte: "Mit ausschließlich rein
abstrakten Formen kann der Künstler heute nicht auskommen.
Diese Formen sind ihm zu unpräzis. Sich auf ausschließlich
Unpräzises zu beschränken, heißt, sich der Möglichkeiten
berauben, das rein Menschliche ausschließen und dadurch sein
Ausdrucksmittel arm machen." Pack kam zu dem Schluss, dass
Malewitsch´ Bild aus dem Jahr 1919 - jenes weiße Quadrat
auf weißem Grund - konsequenter Weise alle Bilder der "reinen"
Abstraktion hätte beenden müssen. "In Wirklichkeit
aber wurde das die Grenzen ausschreitende Werk Kandinskys endlos
variiert, während ihm nichts essentiell Neues hinzugefügt
wurde", schrieb der Künstler und zeichnete so seinen eigenen
Werdegang in der Malerei vor.
Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre arbeitete
Claus Pack vermehrt an großflächigeren Ölbildern.
Erst ab 1963 kehrte er wieder zum Aquarell zurück. Nun jedoch
schwang er sich sowohl inhaltlich wie auch in technischer Hinsicht
zu für ihn gänzlich neuen Horizonten auf: Die Landschaftsmalerei
wurde zum Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens, denn
er sah darin ein "Bestehen vor der Natur", wie er es nannte,
und begann im Freien zu aquarellieren. Im November 1964 zeigte er
32 dieser Blätter in der Galerie Würthle, zugleich seine
erste Ausstellung, seitdem er nach Wien übersiedelt war.
In diesen Aquarellen setzte sich allmählich eine
Ausdrucksweise durch, die alle graphischen Elemente zugunsten der
Farbe zurückdrängte. Das zentrale Anliegen seiner Arbeiten
seit Beginn der sechziger Jahre war eine Anwendung der im Kubismus
neu entwickelten Sprache, ohne den Einsatz der Linie als Hilfsmittel
der räumlichen Darstellung zu finden, in Rückbesinnung
auf die Möglichkeiten der Malerei. Das war es, was Claus Pack
interessierte, woran er unermüdlich arbeitete. Er wollte das
Intelligible der Moderne, einschließlich der Naturauffassung
Cézannes, mit dem Sinnlichen der Malerei versöhnen.
In dieser Zeit löste er sich von seiner bisherigen
Raumkonzeption und setzte erstmals Farben nebeneinander, ohne sie
durch graphische Elemente voneinander zu trennen. Er erprobte diese
Erfahrung auch sogleich in Öl, das Aquarell blieb aber das
bevorzugte Feld seiner Experimente, an denen er großes Vergnügen
fand. Er trieb seine Versuche bis zum Äußersten, bis
zu Kompositionen, in denen das Weiß des Bildgrundes dominiert.
Einen Höhepunkt erreichte Pack sicherlich in den Landschaftsaquarellen
aus den Cinque Terre bei La Spezia und der Umgebung von Suvereto,
wo er sich ein Atelier eingerichtet hatte, zwischen 1972 und 1975.
Dies lässt sich anhand einer großen Anzahl von Arbeiten
und einer Reihe von Ausstellungen belegen.
Um die Zielvorstellungen und Gedanken Claus Packs
zum Aquarell noch deutlicher zu machen, wollen wir den Künstler
nun selbst zu Wort kommen lassen: "Von allen malerischen Techniken
ist die des Aquarells entschieden die anspruchsvollste und schwierigste.
Wie bei keiner anderen gilt es bei ihr Kalkül und Spontaneität
zu vereinen, um jene durchsichtige Leichtigkeit und innere Logik
zu erzielen, die die besten und schönsten Werke dieser Technik
auszeichnen. Vor allem wenn es als "reines" Aquarell,
ohne Verwendung von Deckweiß und deckenden Farben und damit
ohne Korrekturmöglichkeit, gehandhabt wird, verlangt dieses
Medium die größtmögliche Beherrschung der Mittel:
in zarten Lasuren gesetzte Farben, die das Weiß des Papiers
durchwirken lassen müssen, um ihre strahlende Leuchtkraft zu
erhalten. Ein Zuviel lässt die Farben erstarren, opak und schwer
werden, ein Zuwenig kann versäumen, sie zum Leben zu erwecken.
Dazu verlangt die Setzung der Flächen und Flecken ein solides
zeichnerisches Können, das durchwirken und in den Formen enthalten
sein muss, und der malerische Vortrag und Vorgang sind der Bedachtnahme
auf die Temperatur, die das Eintrocknen und damit den Arbeitsrhythmus
bestimmt, ebenso ausgeliefert wie der psychischen Disposition, die
äußerste Konzentration verlangt. Der geringste Fehler
kann die Logik des Blattes zerstören, stundenlange Arbeit vergeblich
machen." Vor allem wenn man so anspruchsvoll vorgeht wie Claus
Pack dies in seinen Aquarellen tat, die ohne Vorzeichnung aus der
freien, auf die Form bezogenen Setzung der Farbe vor der Natur entstanden
und dabei das Weiß des Papiers auch als Spannungsfeld, als
konkrete räumlich-formale Aussage, als Licht oder plastisches
Mittel dialektisch einbezogen. In ihnen ist das Topographische einer
Landschaft schon durch die Motivwahl zum Typischen gesteigert, um
den Charakter eines Ortes zu deuten. Die Farbe hat dabei die Aufgabe,
vom Optischen her das Substrat der erlebten Tageszeit, der Atmosphäre
und des Wesens der Landschaft zu sein und Plastisch-Räumliches
zu suggerieren. In diesen Aquarellen Packs finden wir - bei aller
Spontaneität des Vortrags - in der tektonischen und doch dynamischen
Vereinfachung der Darstellung ein hohes Maß an poetischer
Sachlichkeit.
Diese Werke stellen die Verwandlung einer Landschaft
in zarte, visionäre Farbrelationen dar, deren duftige und lichte
Weite zu schweben scheint. Immer wieder griff Pack zu diesem unendlich
schwierigen Medium, um vor der Natur seine Gestaltungsmöglichkeiten
zu erproben. Die Transparenz der Aquarellfarbe, die Spannungen,
die sich auf dem Blatt schon aus der bloßen Setzung von Flecken
ergeben, stellten eine äußerste Herausforderung an die
Konzentration, die handwerkliche Geschicklichkeit und die Imagination
des Künstlers dar, der gezwungen war, in stets unwiderruflichen
Setzungen aus einem lyrischen Impuls heraus zu handeln. Das Aquarell
forderte von ihm ein Äußerstes an Verdichtung, knappster
Mitteilung und absoluter Reinheit der Mittel.
Packs Spätwerk wird in den vielen Landschaftsaquarellen
dieser Zeit, die scheinbar so weit abseits liegen von dem, was folgt
- sowohl thematisch als auch in ihrem Charakter - jedoch malerisch
vorbereitet, nämlich in Lasuren, die feiner und schwereloser
nicht sein könnten.
Neue Herausforderungen
Nach seiner Krankheit und der Wiederaufnahme seiner
künstlerischen Tätigkeit im Sommer 1982 setzte Claus Pack
- inzwischen Professor an der Akademie in Wien - einen neuen thematischen
Schwerpunkt: das Stillleben wurde zu einem wesentlichen Mittelpunkt
künstlerischen Interesses. Der Unterschied zur bisherigen Verwendung
des Aquarells bestand darin, dass er nun den Rahmen des Naturstudiums
bzw. des natürlichen Raumgefüges verließ und die
Erfahrungen der kubistischen Raumdefinition direkt im Aquarell umsetzte,
also alle Brüche und Dehnungen samt der theoretischen Überlegungen
zum Verhältnis von Raum und Zeit mit einbezog, wie er es bisher
nur in Ölbildern getan hatte. Er fand so eine Brücke zwischen
der Spontaneität des Aquarells und der Geschlossenheit der
Ölmalerei und konnte beliebig zwischen beiden Polen hin und
her pendeln. Er arbeitete allgemein sehr zügig, trotzdem stellen
die Bilder seiner letzten großen Schaffensperiode eine eigene
Kategorie dar, denn die Blätter jener Jahre zeichnen sich durch
eine ungemeine Leichtigkeit und Sicherheit in der Anwendung der
technischen Mittel aus. In den Stillleben konnte er ohne Umschweife
zeigen, welche Erfahrung er sich durch die Jahre erworben hatte
- vor allem in der Auseinandersetzung mit historischen Vorbildern
und im Experiment mit den Malmaterialien.
Im Hinblick auf die Realität, aus der der Künstler
Erkenntnisse in Form seines Erlebnisses schöpft, sagte Descartes:
"Der Raum ist die eine absolute und unbedingte Realität.
Er ist Attribut der Dinge, ohne das ihre Existenz unmöglich
ist." Daraus ergab sich für Pack die Forderung: "Da
nun Erkenntnis und Realität nicht vom Raum abzutrennen sind,
muss die Malerei, sofern sie Anspruch auf gleichnishafte Versinnbildlichung
geistiger Realität erhebt, gleichnishafte Darstellung des Raumes
sein." Und er führte den Gedanken folgender Maßen
weiter aus: "Raum und räumliche Verhältnisse können
in einer Zeichnung sinnvoll nur an Gegenständen in Erscheinung
treten, da diese den einzigen Anlass und die einzige Möglichkeit
bieten, sie darzustellen und zu ordnen. ... Dass Zeit und Raum zusammengehören,
wissen wir seit Einstein, dass sie in der Kunst nicht nur Gegenstand
der Darstellung, sondern formbildende Einheit werden können
seit Picasso und Joyce."
In seinen Arbeiten stellte sich Pack zeitlebens dem
Problem der Übertragung einer räumlichen, plastischen
Wirklichkeit auf die Fläche. Der Gegenstand blieb für
ihn das "Vehikel zur Mitteilung von Unsagbarem" und er
trachtete danach - man kann es an seinen Stillleben überprüfen
- "einen Teil der Welt so zur Anschauung zu bringen, dass er
als erfülltes Sein sichtbar wird." Oder wie Max Beckmann
formulierte: "Höhe, Breite und Tiefe in die zweidimensionale
Fläche zu verwandeln, ist mir stärkstes Zaubererlebnis,
aus dem mir eine Ahnung jener vierten Dimension entsteht, die ich
mit meiner ganzen Seele suche."
Das Spätwerk - Erotik im
Aquarell
Im Spätwerk Claus Packs finden wir die Erkenntnisse
des Malers in eindrucksvoller Weise vereint. Die unglaubliche künstlerische
Kraft, die sich hier erneut mit ungeheurer Wucht Bahn brach und
eine beträchtliche Anzahl großartiger Werke entstehen
ließ, rückte den Künstler noch einmal in die vorderste
Front österreichischen Kunstschaffens. Im Aquarell wie auch
in den Ölgemälden kehrte der Maler nun zum zentralen Thema
seiner Jugend zurück. Der Mensch wurde wieder Zentrum künstlerischer
Auseinandersetzung, diesmal jedoch mit stärkerer Betonung des
Eros. Nicht zuletzt auch durch den Einbruch von Krankheit in das
Leben Claus Packs bedingt, wurde das Thema der menschlichen Sexualität
von ihm nun zum Symbol für die Lebenskraft an sich gesteigert.
Die Aquarelle aus jenen Jahren dokumentieren Packs
sinnlichen, teilweise euphorischen Zugang zur Welt und sind wesentlicher
Bestandteil des umfangreichen erotischen Werks des Künstlers.
Gleichzeitig strahlen die Blätter jedoch auch jene innere Ruhe
aus, die Claus Pack letztendlich gefunden hatte, nicht im Sinne
einer Beruhigung, sondern einer Gelassenheit, ja Heiterkeit, die
er gerade im Aquarell meisterhaft in leichtfüßige Transparenz
umzusetzen vermochte. Auch thematisch zeigt sich, etwa in den Blättern,
die Episoden aus dem Dekameron illustrieren, dass der Künstler
seine bislang überaus kritische und ernsthafte Sichtweise nun
um die reine Freude am Leben und an der Erzählung bereichert
hatte. Hier kommt auch seine persönliche Antwort auf die Mühsal
des menschlichen Lebens klar zum Ausdruck: er wählte zu deren
Bewältigung nicht die mönchische Askese, sondern er entschied
sich für den Rausch, die Trunkenheit am Sein, dies entsprach
auch mehr seinem künstlerischen - im Grunde manchmal romantischen
- Naturell. Es wäre auch kein besserer Abschluss denkbar, nur
eine größere Zahl derartiger Bilder könnte man sich
wünschen.
Den Aquarellen kommt im Hinblick auf das Gesamtwerk
Claus Packs große Bedeutung zu, denn diese Technik wurde von
Pack bis in ihre letzten Möglichkeiten, in ihrer ganzen poetischen
Kraft ausgeschöpft und gemeiste
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