 |
Claus
Pack
James Joyce - Pablo Picasso
Heute Analogien zwischen den verschiedenen Künsten
aufdecken heißt das geistige Antlitz unseres Zeitalters bestimmen
und damit Sinn und Richtung unseres Weges erkennen. In den Hauptwerken
James Joyce´s, "Ulysses" und "Finnegans Wake",
lassen sich mit der Kunst des Malers Pablo Picasso Analogien feststellen,
die man in drei Punkte gliedern könnte:
-
Die Herstellung einer Einheit von Raum und Zeit, die Aufhebung
der zeitlichen Abfolge als kausalem Vorgang.
- Metamorphosen,
d.h. Verwandlung eines an sich bekannten Objektes in ein neues,
so dass dieses, das Ausgangsobjekt beinhaltend, Assoziationen
zu anderen, von ihm verschiedenen Objekten herstellt.
- Gliederung
des Kunstwerkes über einem unsichtbaren strengen Aufbau,
der als verborgenes konstruktives Gerüst hinter den scheinbar
freispielenden "entfesselten" Formen steht.
Diese drei Punkte umschließen Erscheinungen, die allen bedeutenden
Kunstwerken unserer Epoche eigen sind. Bei James Joyce wird die
Einheit von Raum und Zeit schon im "Ulysses" geschaffen.
Erstreckt sich auch der zeitliche Ablauf des Romans über einen
Tag, so wird doch durch die Technik des Bewusstseinsstromes der
Eindruck der Zeitlosigkeit erzielt. Diese Technik, die das augenblickliche
Erleben der Realität mit der Vergangenheit auf assoziativem
Weg verbindet, schafft den Eindruck der Zeitlosigkeit. Kinetisches
Material erzielt hier einen statischen Eindruck. Vergangenes und
Gegenwärtiges werden zeitlose Präsenz.
In "Finnegans Wake"
ist der zeitliche Ablauf völlig aufgehoben. Die Handlung ist
in den Traum verlegt, die Sekunden und Sekundenbruchteile vor dem
Erwachen, den kollektiven Kommunikationsbereich der Menschheit,
der mit Mythen gesättigt ist. Jeder einzelne Satz, jede Phrase
wird dabei in eine Form gebracht, in der der zeitlich kausale Bezug
aufgehoben ist. Es gibt keinen äußeren Ablauf mehr und
der innere ist Gleichzeitigkeit. Sündenfall ist Erlösung,
Tod Auferstehung.
Die Metamorphose zeigt sich bei Joyce in der Verwandlung der alltäglichen
Dinge, Ereignisse und Handlungen zu Geschehen von magisch-mythischer
Bedeutung. Erreicht wird dies durch die slow-motion-Technik und
die Akribie der Beschreibung, die den Gegenstand so genau fixiert,
bis er sich in einer "Epiphanie" offenbart. Die Gestalten
des Buches, aus der Alltagsrealität kommend, werden zu mythischen
Figuren: Bloom zu Ulyss, Stephen zu Telemach, Marion zu Penelope.
Alltag wird zur Odyssee, zum Mythos.
In "Finnegans Wake" wird das einzelne Wort selbst zum
Träger mehrerer Assoziationen. Aus der Ethymologie und dem
Lautreiz der Worte holt Joyce uralte Bedeutungsschichten und Zusammenhänge
hervor. Durch die Aufnahme neuer Buchstaben oder Silben erhält
das einzelne Wort eine neue Gestalt, die unter dem Mitklingen der
alten Form optisch und akustisch mehrere Begriffe verbindet und
Analogien knüpft. So kommt es zu seinem uralten Recht und seiner
uralten Macht der Magie und Beschwörung. Es wird Mysterium,
erhält die ihm von Johannes gegebene göttliche Stellung.
Das ganze Werk ist ein evokativer Gesang, in der Zeit unendlich,
aus dem Wort und den Rhythmen der Sprache geschaffen, in einer Spirale
und in ständiger Bewegung das Höchste und Niederste zu
einem harmonischen Kosmos verbindend.
Im "Ulysses"
ergibt sich das strenge Gerüst des Buches dadurch, dass das
Geschehen des einen Tages gewissermaßen über den Aufbau
der homerischen Epopöe kopiert ist. Eine Strenge, die bis in
die einzelnen Details geht. Dieses feste Gerüst, das kaum in
Erscheinung tritt und sich nur bei längerem Studium offenbart,
gibt dem Buch die Beziehung zur mythischen Vergangenheit und hilft,
Bloom, Marion und Stephen zu mythischen Gestalten zu machen. Gleichzeitig
gibt es dem monologue intérieur, der sonst formlos dahinströme,
den notwendigen festen Halt und Generalbass.
In "Finnegans Wake" ist es Giambattista Vicos Geschichtstheorie
von den vier Zyklen der menschlichen Historie und deren ständiger
Wiederkehr, die den inneren Aufbau des Buches und seine Philosophie
bestimmt. So entsprechen die vier Abschnitte des Werkes den vier
Epochen Vicos, von denen die letzte sich wieder in die erste zurückschließt.
Analog führt der letzte Satz des Buches wieder in den ersten
zurück. Mehr noch als hinter dem "Ulysses" steht
hinter "Finnegans Wake" ein straffes geistiges Gerüst,
das von Vicos Zyklentheorie, Giordano Bruno, Swift, Blake und einer
Symbolik, die bis ins kleinste Detail reicht, gebildet wird, ob
es sich nun um die Verwendung von Zahlen, Namen oder Orten handelt.
Man gewinnt fast den Eindruck, als seien alle Dinge nur zur Konvenienz
Joyces erschaffen, so mühelos und lückenlos fügen
sie sich dem geistigen Gebäude ein.
Dem Material des Dichters: Wort und Rhythmus der Sprache, steht
beim Maler Farbe und Linie entgegen. Mit ihnen ist in der Malerei
auf der zweidimensionalen Fläche ein Gleichnis der Umwelt zu
schaffen. Schon im frühen Kubismus Picassos wird das Element
der Zeit mit dem der Form im Raum verknüpft und von der speziellen
Sicht der alten Malerei zu einer totaleren Gestaltung übergegangen.
Das heißt, das Objekt wird von da an im Raum nicht mehr von
einer Ansicht allein gezeigt, sondern von mehreren zugleich. Über
den synthetischen Kubismus führt bei Picasso bis heute eine
im wesentlichen ungebrochene Linie, an deren vorläufigem Endpunkt
(denn Picasso bedeutet noch keinen Endpunkt der von ihm eingeschlagenen
Entwicklung) eine große Form mehrere in der Zeit verschiedene
Ansichten in sich vereinigt: Dadurch, dass verschiedene in der Zeit
liegende Blickpunkte auf eine Ebene gebracht werden, mehrere Pläne
sich überlagern, verschmelzen, wird im Bild selbst, in der
geschlossenen Form die Zeit aufgehoben. Das Objekt, die Erscheinung,
Stillleben oder Figur erscheint im zeitlosen Aspekt.
Dabei wählt Picasso in seinen Bildern aus den vielen möglichen
Sichten auf die Realität diejenigen aus, die es ihm gestatten,
aus den verschiedenen Aspekten jene neue höhere Form zu bilden,
die Assoziationen zu anderen, nicht im Bild, aber in Erfahrung oder
Unterbewusstsein befindlichen Formen weckt. Verschiedene Bereiche
der Natur werden dabei zusammengenommen, das Amorphe zum Biologischen
und umgekehrt in Beziehung gesetzt. So entstehen seine Metamorphosen.
Fahrradsitz und Lenkstange werden zum Stierschädel. Der Stierschädel
zur Gitarre. Spielzeugautos zum Kopf einer Affenmutter. Symbole
werden geschaffen und verwendet. Alltägliches wird Allgemeines,
Typisches. Im Stillleben wird der gewohnte Gegenstand seiner gewohnten
Bedeutung entrückt und mit neuen, tieferen, umfassenderen Inhalten
geladen.
Gleichzeitig werden die Elemente der Malerei von Picasso auf neue
Art und Weise verwendet. Farbe ist nicht mehr Beschreibung einer
Oberfläche, eines Seinszustandes, sondern ist evokative Qualität,
die nicht an die Erscheinung des Gegenstandes gebunden ist. Die
Farbe ist mit Gefühlsspannung, Emotion und Assoziation wie
die Form geladen. Dabei wird sie - wie die Form - vom allgemeinen
Zusammenhang des Bildes, seiner Aussage, seinem Ausdruck also, einer
höheren Ordnung bestimmt. Ihre alten symbolischen Werte fließen
ihr wieder zu.
Die Linie gibt bei Picasso der Fläche und der Form den Rhythmus,
schafft Expression. Auch sie wird mit ihrem ursprünglichen
Ausdruckswert verwendet, der sich die Form des Gegenstandes bis
zu einem gewissen Grad unterzuordnen hat. Wort und Sprachrhythmus
= Farbe und Linie.
Die scheinbare Willkür Picassos ist außer durch sein
System einer neuen Perspektive, der "Multiplanperspektive",
noch durch ein unsichtbares Gerüst gegliedert, das sich wie
ein Netz über die Leinwand spannt. Die Bezugspunkte der Formen
ordnen sich auf ihm in Koordinaten ein. Jeder Teil hängt mit
jedem zusammen und ist auf jeden anderen und auf die Gesamtheit
bezogen. Dieser Aufbau entspricht gewissen romanischen und frühgotischen
Formsystemen (Villar d´Honnecourt), dem "Gerechten Grund"
der Bauhütten und Malerinnungen, der sich noch bei Schongauer
und Konrad Witz nachweisen lässt.
Wie bei Joyce erleben wir bei Picasso an den Dingen seit urdenklichen
Zeiten wieder das Mythische ihrer Existenz neu. Bei beiden steht
hinter scheinbarer radikaler Willkür, die altgewohnte und entleerte
Formen zerschlägt, neu ordnet und in Beziehung setzt, eine
straffe Disziplin, die von ihrem verwendeten Medium und seinen Gesetzen
ausgeht. Tiefer als alle anderen (außer Klee vielleicht) sind
sie in seine Gesetze eingedrungen und haben der raffenden Sicht
unseres Zeitalters gestalterische Entsprechung geschaffen, einer
neuen Weltschau Stimme und Anblick gegeben.
Die sich nicht allein zwischen ihnen aufzeigenden Analogien scheinen
auf eines zu deuten: dass hinter der scheinbaren Zersplitterung
eine immer klarere Direktion hervortritt, eine Direktion, die sich
auch bei Ramuz, Virginia Woolf, Ezra Pound, Eliot, Auden, Braque,
Gris, Moore als werkbestimmend erweist. Daraus lässt sich der
Schluss ziehen, dass diese Equipe die erste Hälfte des Jahrhunderts
bereits mit stilbildender Kraft erfüllte, und unsere Epoche
daran ist, ihre Gestalt zu finden, die aller Wahrscheinlichkeit
nach in der angedeuteten Richtung liegen mag.
Entscheidend wird, diese Kräfte zu erkennen und auf dem gebahnten
Weg weiterzuschreiten, der nachweisbar in der Linie einer großen
Tradition liegt. Ihr Pionierwerk gilt es zu erweitern und auszubauen,
um damit Anteil zu haben an der Formung des geistigen Antlitzes
unserer Epoche, jenes Zeitalters, das uns aufgegeben ist, das allein
das unsere ist.
|